Umdenken, Umbau, Umstrukturierung – hakika n.e.V. im Umbruch

Hakika- dieser Begriff stand und steht in unseren Augen für eine Entwicklungszusammenarbeit, die nur mit einem verantwortungsvollen und zuverlässigen Partner vor Ort in Kenia funktioniert. Seit Beginn hatten wir als Verein hakika n.e.V. innerhalb der kenianisch-deutschen Partnerschaft die Geberrolle inne und unsere Partner in Kenia überwiegend die Rolle der (Geld-)Nehmer. Doch auch innerhalb dieses Gefüges haben wir uns stetig bemüht, mit unseren Partnern auf Augenhöhe zu agieren. Die Meetings mit unseren kenianischen Partnern waren stets ein offener, persönlicher und regelmäßig stattfindender Austausch. Probleme und Herausforderungen wurden stets von beiden Seiten betrachtet und Lösungsvorschläge von allen Parteien eingeholt. Weiterhin unterstützten wir unsere Partner in Kisumu bei der lokalen Vereinsgründung und förderten den Austausch zu anderen Organisationen vor Ort mit dem Ziel, hakika (kenianische Seite) langfristig unabhängig von dem deutschen Verein zu gestalten.

Wir betrachteten unsere Partner als die Experten in dem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit in Kenia. Wir als deutsche Vereinigung waren und werden immer Außenstehende sein, die über die gesellschaftlich relevanten Gegebenheiten nur eingeschränkte Informationen und Wissen besitzen, da wir unseren Alltag nicht in Kenia, sondern in Deutschland erleben und die meisten von uns unsere Sozialisation in Deutschland erfahren. Deshalb haben wir auch bewusst darauf verzichtet, uns als Weiße (Mzungus) in die ausführende Projektarbeit vor Ort einzumischen. Das heißt unter anderem, dass wir von einem Besuch der Schulen unserer im Projekt integrierten Kinder im Allgemeinen absahen, weil deren Sonderstellung (Stigmatisierung als Straßen- und ggf. auch Waisenkinder) damit noch weiter hervorgehoben werden würde, was wir unter keinen Umständen erzielen wollten. Auch die ersten Besuche nach der Reintegration der ehemaligen Straßenkinder waren bewusst ohne unsere Anwesenheit durchgeführt worden. Um die Arbeit unserer kenianischen Partner vor Ort in Kenia nachzuvollziehen, baten wir um regelmäßige Berichte und Bilder von den Sozialarbeitern.

Diese Art des Projektmanagements basierte auf einem Grundvertrauen zu den kenianischen Sozialarbeitern, welches uns Mitte Mai von einem Tag auf den Anderen zum Verhängnis wurde.

Auslöser hierfür war die Kontaktaufnahme von zwei unserer im Projekt integrierten Jugendlichen. Sie kontaktierten uns erstmalig persönlich durch das Handy eines befreundeten Jungens und berichteten uns von einer ganz anderen Realität im Projekt: sie beschwerten sich über eine unzureichende Betreuung seitens der Sozialarbeiter sowie ein fehlendes Vertrauen in sie. Nach dem sehr aufwühlenden Gespräch stand fest, dass das Projekt hakika in dieser Form nicht weiter bestehen können wird. Die Unterhaltung mit den Jugendlichen warf zudem viele Fragen auf:

Was soll nun mit hakika passieren? Wie geht es mit den Kindern vor Ort weiter? Wie geht es mit uns als Verein weiter?

Wir beschäftigten uns die letzten Monate täglich, alternative Lösungsansätze und Möglichkeiten zu erarbeiten. Wir beriefen mehrere Vereinsbesprechungen ein, um mit den Mitgliedern über die Zukunft hakikas zu reden. Dabei stellten wir schnell fest: Auflösen und einfach so vom Erdboden verschwinden möchten wir nicht. Wir möchten die Kinder, sofern möglich, weiterhin begleiten. Und: Wir stehen zu unserer Geschichte und möchten weiterhin mit Transparenz und als Vorbild voran gehen, obwohl die Kooperation gescheitert ist und wir uns deshalb neu orientieren müssen. Die Suche nach einem glaubwürdigen Partner vor Ort, der sich weiterhin um die Kinder kümmern kann, beschäftigte uns eine geraume Zeit. Zusammen trafen wir die Entscheidung, mit dem gemeinnützigen Verein uhuru e.V. und deren Kooperationspartner Uhuru Community Development Project  (UCDP) vor Ort in Kisumu zu kooperieren, mit denen wir seit einigen Jahren in regem Austausch stehen. Sie setzen sich ebenfalls für Straßenkinder in Kisumu ein, allerdings haben sie auch noch einige weitere Projekte. Durch deren standardisierte Kontrollmechanismen und Qualitätsmanagementstrategien sind wir zusätzlich zu unserem Vertrauen in sie als Organisation abgesichert. Weitere Infos findest Du hier: http://www.uhuru-ev.de/.  

Warum weiter machen anstatt aufgeben? Wir tragen immer noch die Verantwortung für diese Kinder. Und nicht nur für die zwei, die uns kontaktierten. Nein, für alle neun. Ein Projektabbruch nach so langer Zeit intensiver Arbeit ist nicht vorstellbar, vor allem, da die Kinder und Jugendlichen noch immer von uns finanziell abhängen und zu uns Vertrauen aufgebaut haben. Um die Jugendlichen, die mit uns das Gespräch führten, vor einem möglichen Racheakt von den Sozialarbeitern zu schützen, konfrontierten wir diese nicht direkt mit den Vorwürfen, sondern führten andere Gründe für die Beendigung der Partnerschaft an. Wir stoppten den Geldfluss nach Kenia. Auf Grund der nun wegfallenden finanziellen Unterstützung forderten wir die Sozialarbeiter dazu auf, uns die vollständigen Daten der Kinder weiterzuleiten, um trotz der Beendigung der Partnerschaft mit ihnen in Kontakt stehen zu können. Wir drohten auch mit dem kenianischen Jugendamt bei Missachtung dieser Forderung. Das Resultat war ein kompletter Kontaktabbruch von Seiten der Sozialarbeiter, wir wurden mehrfach blockiert, Anrufe wurden ignoriert. Wir hatten keine Option an die Kontaktdaten der restlichen sieben Kinder zu gelangen. Das bedeutete konkret, dass wir uns auf die zwei Jugendlichen konzentrierten, die den Mut auf sich nahmen, mit uns persönlich in Kontakt zu treten. Natürlich hätte die strafrechtliche Verfolgung wegen Kindeswohlgefährdung nach den Kinderrechten in Kenia als Möglichkeit freigestanden. Durch unsere neue Kooperation mit dem Partner uhuru e.V. entschieden wir uns aber dagegen. Gründe hierfür sind beispielsweise, dass wir unsere neuen Partner damit eventuell gefährden könnten, ihren Ruf in Kisumu schädigen könnte, auch eventuelle Gewalttaten in den Straßen Kisumus gegen Mitarbeitende uhurus sind deshalb nicht ausgeschlossen, wohingegen der Erfolg des Jugendamts nicht gesichert ist. Wir sind sehr gespannt, was unsere neue Kooperation mit sich bringt und freuen uns, durch deren Projektarbeit vor Ort in Kisumu als Verein weiter bestehen zu bleiben.

Dieser Blogeintrag ist nicht nur für Interessierte, sondern insbesondere auch für andere Vereine und Organisationen gedacht. Wir möchten damit aufzeigen, dass es in einer Vereinsgeschichte auch große Rückschläge geben kann. Unser persönlicher Rückschlag soll ein möglicher Weckruf für Andere sein.